100 Jahre Deutsche Naturschutztage
Ein Interview
Stiftung Naturschutzgeschichte
Dr. Hans-Werner Frohn
Dr. Jürgen Rosebrock
Bundesverband Beruflicher Naturschutz e. V. (BBN)
Dipl.-Ing. Angelika Wurzel

BBN: Warum hat es überhaupt Deutsche Naturschutztage gegeben und warum fand der erste 1925 in München statt?
Naturschutz war und ist in Deutschland zumeist föderal organisiert. Also waren – auch in den 1920er-Jahren – die Länder zuständig. Und diese organisierten ihn nach eigenem Gusto. Im größten Land Preußen existierte seinerzeit eine Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege. Sachsen und Baden übertrugen amtliche Aufgaben an die dortigen Heimatvereine. Und in Bayern war der Landesausschuss für Naturpflege zuständig. Aber auch damals galt schon: Ohne die Zivilgesellschaft hätte der Naturschutz überhaupt nicht wirken können.
Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, wie die amtlichen Initiatoren die Ziele der ersten Naturschutztage beschrieben. Die Zusammenkünfte sollten den „amtlichen und nichtamtlichen Stellen, Verbänden und Einzelpersonen“ die Möglichkeit zu einer „Aussprache über den gegenwärtigen Stand des Naturschutzes […] und über Mittel seiner Förderung“ geben. An diesem Grundprinzip hat sich bis heute kaum etwas geändert.
BBN: Drei Deutsche Naturschutztage fanden dann noch in der Weimarer Republik statt. Dem Föderalismus geschuldet in Kassel, Dresden und schließlich 1931 in Berlin. Wie ging es dann im „Dritten Reich“ weiter?
Der amtliche Naturschutz hat sich willfährig sofort gleichgeschaltet, die Vereine taten es ihm – unterschiedlich schnell – gleich. Auf Hermann Göring, der Nr. 2 des NS-Regimes, setzten sie all ihre Hoffnungen. Tatsächlich setzte er 1935 durch, was die Naturschützenden seit Jahrzehnten – und nicht zuletzt auch bei den Naturschutztagen – gefordert hatten: ein einheitliches Reichsnaturschutzgesetz.
Der staatliche Naturschutz sah keinerlei Veranlassung, Naturschutztage als Austauschmöglichkeit zwischen dem amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutz auszurichten. Aber 1936 sollte dann doch das von den Nationalsozialisten erlassene Reichsnaturschutzgesetz gewürdigt werden. Man rief daher zu einer Reichsnaturschutztagung – wohlgemerkt: kein Naturschutztag.
Doch man erlebte ein Debakel, denn das Regime zeigte dem Naturschutz protokollarisch die kalte Schulter: Göring war nicht zugegen, er schickte noch nicht einmal seinen Staatssekretär. Das war aber auch nicht verwunderlich, denn Göring fungierte mittlerweile auch als Beauftragter für den Vierjahresplan, mit dem die deutsche Wirtschaft und damit auch die Landwirtschaft kriegstauglich gemacht werden sollte. Nun war Autarkie angesagt. Bei der Tagung gab der Abteilungsleiter Naturschutz die neue Richtung vor: Die Natur müsse aufgrund der verschärften Autarkiepolitik gewaltige Opfer bringen.




BBN: Warum hat es denn nach 1945 zwölf Jahre gedauert, bis wieder Naturschutztage stattfanden – der erste dann 1957 in Kassel?
In heutigen Worten könnte man sagen, dass der Naturschutz nach 1945 ein gewaltiges Image- und Akzeptanzproblem hatte. Zum einen forderten die Verstrickungen in das NS-Regime ihren Preis. Das Reichsnaturschutzgesetz wurde vielfach als ein „Nazi-Gesetz“ bezeichnet. Noch bedrohlicher für den Naturschutz war jedoch die in Politik, Verwaltung und Wirtschaft verbreitete Überzeugung: „Naturschutz hemmt den Wiederaufbau!“. Dies mündete darin, dass 1950 der Bundesrat sogar die Auflösung der Bundesanstalt für Naturschutz und Landschaftspflege beschloss. Man muss ja mit historisierenden Vergleichen immer vorsichtig sein, aber stellen Sie sich kurz mal vor, der Bundesrat würde heute beschließen, zur rascheren Durchsetzung der Beschleunigungsgesetze müsse das Bundesamt für Naturschutz (BfN) abgeschafft werden.
Den Fortbestand des BfN-Vorgängers sicherten schließlich Parlamentarier. Doch der staatliche Naturschutz wurde weiterhin kritisch beäugt. Das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium setzte eine Kommission zur Verschlankung der nachgeordneten Forschungseinrichtungen ein. Für die Bundesanstalt zeichnete sich der Verlust der Selbständigkeit ab. Und damit sind wir im Jahr 1957 und beim ersten Naturschutztag nach dem Zweiten Weltkrieg, denn diesen kann man als eine erste Reaktion auf die Gefährdungslage werten. Bezeichnend war das Motto „Naturschutz im Wandel der Zeit“. Doch dieses Signal einer vorsichtigen Modernisierung des Naturschutzes überzeugte die Politik offenbar nicht, denn im gleichen Jahr empfahl die erwähnte Kommission, die Bundesanstalt in die Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft zu integrieren. Gerettet wurde die Selbständigkeit der Bundesanstalt dann letztlich wieder durch Parlamentarier, die sich – nach heutigen Maßstäben – als Umweltpolitiker verstanden.
Die „Rettung“ hatte aber einen Preis, nämlich die Forderung seitens der Politik nach einer Ausweitung des Portfolios: Über den klassischen Naturschutz hinaus gelte es, sich stärker mit Fragen der Landschaftsgestaltung und der Landschaftsplanung zu beschäftigen. So wundert es nicht, dass das Motto des Deutschen Naturschutztages 1959 in Bayreuth „Ordnung der Landschaft – Ordnung des Raumes“ lautete. Diese Neuausrichtung war aber intern umstritten. Große Teile der ehrenamtlichen Naturschützenden, von denen viele bereits seit den 1920er-Jahren traditionellen Naturschutz als ihre Passion betrieben, opponierten. Sie verstanden sich als Unpolitische und hatten nach 1945 eine Art Wagenburgmentalität entwickelt. Unter Protest zog 1959 eine große Minderheit aus der Versammlung aus.
BBN: Die Ausweitung des Aufgabenfeldes kam also einer schwierigen Geburt gleich. Wie hat sich diese Entwicklung auf den folgenden Naturschutztagen widergespiegelt?
Bis zum Beginn der 1970er-Jahre hatte der Naturschutz, etwas despektierlich ausgedrückt, vor sich hingedümpelt. Prägend waren zumeist die ehrenamtlichen Beauftragten, die sich wenig um gesellschaftliche Akzeptanz für den Naturschutz oder um dessen politische Durchsetzung bemühten. Außerdem fehlte dem Naturschutz so etwas wie ein Gesicht, eine prominente Persönlichkeit. Das sollte sich 1969 ändern. Willy Brandt berief damals den Naturfilmer und Oscar-Preisträger Bernhard Grzimek zum Bundesnaturschutzbeauftragten.
Auch beim Naturschutzrecht tat sich Entscheidendes: Anfang der 1970er-Jahren begannen die ersten Länder eigene Landesnaturschutzgesetze zu verabschieden. 1976 kam dann das Bundesnaturschutzgesetz. In dieser Zeit setzte der große Wandel ein.
Die dazugehörigen Schlagworte sind Professionalisierung und Ökologisierung. Was heute kaum noch vorstellbar ist: Binnen kürzester Zeit wurden eine Vielzahl von wissenschaftlichen Stellen in den Ländern und im Bund geschaffen. Wolfgang Erz, damals eine bestimmende Kraft auch bei den Naturschutztagen, gab die Losung aus: „Opas Naturschutz ist tot!“ An die Stelle noch verbreiteter kultureller Begründungen trat nun die reine Ökologie. Grundlegend war auch der Wandel im Verhältnis amtlicher und zivilgesellschaftlicher Naturschutz. Bisher hatte der – seit seiner Gründung – extrem schwach aufgestellte und ausgestattete amtliche Naturschutz den Vereinen und Verbänden die Rolle zugewiesen, die wesentliche Arbeit zu machen und unterstützend zu wirken. Nun verstanden sich die Verbände zunehmend als die „Antreiber“, ja auch als die Kritiker des amtlichen Naturschutzes.
BBN: Alles zusammen genommen also hervorragende Voraussetzungen für einen erfolgreichen Naturschutz? Und die Naturschutztage waren demnach Happenings voller Optimismus, Vitalität und gesellschaftlicher Relevanz?
Ganz so idyllisch war es dann doch nicht. In dieser Hochphase zeichneten sich wieder zwei dunklere Wolken ab. Die eine Problemlage lässt sich mit dem Schlagwort „Vollzugsdefizit“ beschreiben, d. h. die gesetzliche Grundlage war eigentlich gut, aber man konnte sich nur unzureichend durchsetzen. Und die zweite Herausforderung stellte bezeichnenderweise der Umweltschutz dar, hier verstanden als technischer Umweltschutz. Er dominierte nun die politischen und gesellschaftlichen Debatten und stellte den Naturschutz in den Schatten. Und auch die Verbände verstanden sich nicht mehr nur als Naturschutzverbände, sondern auch als Umweltschutzverbände. Vor diesem Hintergrund fand in Kassel 1982 ein bemerkenswerter Deutscher Naturschutztag statt. Er weitete das Feld um den Umweltschutz. Damit war es mit den eher besinnlichen Naturschutztagen vorbei. Nun waren sogar Demonstrationen im Umfeld des Naturschutztages angesagt.
Hier setzt aber auch für uns Historiker handwerklich eine Zäsur ein, denn wir brauchen den zeitlichen Abstand, um fundiert und abgewogen analysieren zu können. Jetzt sind daher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gefragt.
Stiftung Naturschutzgeschichte: Wie haben sich die Deutschen Naturschutztage inhaltlich weiterentwickelt? Welche großen Themen gab es?
Zeitzeugin für den BBN bin ich seit 1984; der 18. Deutsche Naturschutztag 1986 in Bremen war mein Erster. Bei diesem wurden vor allem „10 Jahre Bundesnaturschutzgesetz“ bilanziert.
Eigentlich beschäftigten wir uns weiterhin mit Themen, die schon auf den ersten vier Naturschutztagen diskutiert wurden. Es ging um
- Eingriffsbereiche,
- Naturschutzinstrumente,
- Fagen der Finanzierung,
- Erziehung und Ausbildung und ganz wichtig
- um rechtliche Fragen: angefangen beim einheitlichen Naturschutzgesetz auf Reichsebene, das bereits 1925 gefordert wurde, über das Bundesnaturschutzgesetz 1976 und seine Reformen bis hin zur Umsetzung der rechtlichen Vorgaben auf EU-Ebene seit den 1990er-Jahren.
Diese Themen wurden in den 1960er-/1970er-Jahren um strategische Fragen des Naturschutzes, planerische Grundlagen, um Naturschutz in der Stadt und in Ballungsräumen, Erholung und Freizeit sowie ab den 1990er-Jahren um Herausforderungen der Energiewende und des Klimaschutzes sowie sozio-ökonomische Fragestellungen ergänzt.
Stiftung Naturschutzgeschichte: Eine Frage, die sich aufgedrängt, ist natürlich die nach den Erfolgen der Naturschutztage. Wie wird das eingeschätzt?
„Erfolge“ der Deutschen Naturschutztage konkret zu belegen, ist schwierig. Was unter „Erfolg“ zu verstehen ist, hängt stark von der jeweiligen Wahrnehmungsperspektive ab (z. B. Innen- oder Außensicht) und von Kriterien für die Bewertung. Erfolge in der Naturschutzarbeit sind auch keineswegs allein auf Deutsche Naturschutztage zurückzuführen, aber einen gewichtigen Anteil hatten sie sicherlich, wie leicht am Beispiel der rechtlichen Entwicklung belegt werden kann.
Ganz allgemein gesagt, sehen wir Erfolge – dies ist die Innensicht – zunächst darin, dass die Zielsetzungen, einen umfassenden Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen amtlichen, ehrenamtlichen und interessierten Naturschutzaktiven zu ermöglichen, den aktuellen Stand der Naturschutzarbeit zu bilanzieren sowie eine Vereinheitlichung und Entwicklung der rechtlichen Grundlagen zu bewirken für das Berufsfeld Naturschutz erreicht wurden. Die Erwartungen, Hoffnungen und Forderungen der Akteure der ersten Deutschen Naturschutztage haben sich damit mehr als erfüllt. Ich denke, es ist auch ein großer Erfolg, dass sich die Deutschen Naturschutztage quasi institutionalisiert haben und nun 100 Jahre existieren.
Die Deutschen Naturschutztage sind für den Naturschutz eine tragende Säule der Kommunikation und Vernetzung amtlicher und privater Träger, Wissenschaftler, Politiker und Praktiker von kommunaler bis zur Bundes- und EU-Ebene. Hier in Berlin belegen dies erstmals 1.800 Teilnehmende!
Stiftung Naturschutzgeschichte: Es war von unterschiedlichen Perspektiven die Rede. Das bisher Gesagte war sozusagen die Binnenperspektive. Wie war es denn um die Außenwahrnehmung der Deutschen Naturschutztage bestellt, also bezogen auf die Politik und die Öffentlichkeit?
Unsere Außenwirkung im Hinblick auf Politik und Gesellschaft war weniger erfolgreich, da müssen wir noch viel dran arbeiten.
Es wurde und wird viel Wert auf Politikerpräsenz gelegt, zumindest seit erkannt wurde, dass man ohne Politik nichts erreichen kann. Insbesondere bei den Deutschen Naturschutztagen der 1950er- und bis zu den 1970er-Jahren konnte so manche Rede einer hochstehenden Persönlichkeit motivieren und moralisch stärken. Doch zunehmend wurden politische Ankündigungen oder Versprechungen verantwortlicher Politikerinnen und Politiker von den Teilnehmenden skeptisch aufgenommen. Es gab auch Deutsche Naturschutztage, da sind die Teilnehmenden erst nach den Politikerreden angereist.
Auch bekannte Persönlichkeiten wie Bernhard Grzimek, Horst Stern oder Siegfried Lenz haben die breite Öffentlichkeit letztlich nur wenig erreicht.
Wir versuchen nun stattdessen, Politikerinnen und Politiker und Parlamentarierinnen und Parlamentarier stärker in Form von konstruktiver Mitarbeit im Fachprogramm einzubinden.
Die Presse nimmt die Naturschutztage natürlich als Ereignis wahr. Aber eine tiefergehende Berichterstattung liefert nur die Fachpresse.
Wenn wir wirklich mal auf Titelseiten und nicht im Feuilleton oder unter Lokales gelandet sind, dann waren die Hintergründe eher umweltpolitischer oder einfach nur spektakulärer Art, wie anlässlich des 17. Deutschen Naturschutztages 1982 in Kassel, wo es bei der Abschlusskundgebung zusammen mit zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen zu einer Großdemonstration gegen die hessische Landesregierung kam.
Ich kann mich eigentlich nur einmal daran erinnern, dass über einen Deutschen Naturschutztag in der Tagesschau berichtet wurde, das war beim 27. Deutschen Naturschutztag 2004 in Potsdam.
Seit 2021 haben wir den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft. Teile der DNTs kann man „life“ am heimischen Arbeitsplatz verfolgen. Der Einsatz von Social Media (Twitter, Instagram) wurde verstärkt, und der Bekanntheitsgrad sowie die Reichweite der Deutschen Naturschutztage dadurch insbesondere für junge Menschen deutlich erhöht. Möglicherweise hilft uns das künftig auch in der öffentlichen Wahrnehmung.










Stiftung Naturschutzgeschichte: Wie wird es denn nun weitergehen mit den Deutschen Naturschutztagen?
Wir glauben, die Deutschen Naturschutztage werden weiterhin Forum und Plattform für den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen amtlichen, ehrenamtlichen und interessierten Naturschutzaktiven bleiben.
Er soll auch weiter für die Kommunikation und Vernetzung amtlicher und privater Träger, Wissenschaftler, Politiker und Praktiker von der kommunalen bis zur Bundes- und EU-Ebene dienen.
Wir müssen weiter daran arbeiten, den Stellenwert des Naturschutzes in der Gesellschaft zu verbessern und von unseren Anliegen zu überzeugen. Neue Strategien zur Akzeptanz wurden während dieses 38. Deutschen Naturschutzages diskutiert und auch die Frage gestellt, ob der Naturschutz sich neu erfinden müsse. Es fiel ja auch der Satz: Visionen sind nichts Schlimmes.
Dies gilt umso mehr in einer Zeit, in der Themen wie Wirtschaftswachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen das politische Feld wieder komplett beherrschen. Bürokratieabbau und Planungsbeschleunigung sind Zauberworte zur Lösung aller Probleme. Momentan weht uns im Naturschutz wieder ein kräftiger Wind entgegen und der alte Schlachtruf „Naturschutz hemmt die Entwicklung“ feiert Wiederauferstehung.
Sowohl auf EU-Ebene als auch national werden Gesetze entschärft, Beschleunigungsgesetze erlassen oder die Umsetzung neuer wirkungsvoller Naturschutzgesetze behindert. Anspruchsvolle Ziele werden zurückgeschraubt. Wir haben nicht genügend Personal, und wie die Mittel sich entwickeln, müssen wir abwarten. Dies gilt aber nebenbei erwähnt, auch für den Umwelt- und Klimaschutz. Zugleich nimmt der Druck auf Natur und Landschaft zu.
Insofern geht uns der Stoff nicht aus.
Der Deutsche Naturschutztag als tragende Säule der Kommunikation und Vernetzung wird auch künftig wichtig bleiben.
